Architekturstudium in den USA
Austauschsemester an der University of Michigan at Ann Arbor / Detroit
Stipendienmöglichkeiten und Austauschplätze für österreichische
Architekturstudenten
Stand: August 1993. Publiziert in: Architektur, 1/95,
Wien, 1995.
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Detroit, die "Motorcity", Geburtsstätte der Supremes, der Jackson Five, der Techno-Musik und bis zu den 60ern praktisch aller amerikanischen Automobile, Namenspatron für das "Motown" Plattenlabel und einer der Zentren afroamerikanischer Gegenwartskultur liegt 25 Freeway-Minuten entfernt vom 110.000 (gläubige) Seelen zählenden Universitätsstädtchen Ann Arbor. Gemeinsam haben diese beiden nur den Gründer: Der Richter Augustus B. Woodward, bekannt durch den Entwurf des Masterplans für Detroit, initiierte 1821 die Gründung der University of Michigan , kurz nachdem dieses zum Bundesstaat wurde. Ein Gegensatzpaar, das die gegenwärtige Gespaltenheit der US-amerikanischen Gesellschaft widerspiegelt: Hier das Paradebeispiel einer krisengeschüttelten US-Großstadt mit eskalierenden sozialen, Gewalt- und Drogenproblemen, dort eine niedliche Kleinstadt des Mittelwestens mit einem der schönsten US-Campuses. Die Anfahrt in die 7.-größte Stadt der USA führt vorbei an Suburbs mit netten, gepflegten Häuschen und Gärtchen. Je tiefer man vordringt, desto stärker wandelt sich das Bild: Neigbourhoods mit verwahrlosten, ausgebrannten Häusern lassen den Fuß am Gaspedal schwer werden. Man will nicht Opfer eines in dieser Stadt täglich 15mal stattfindenden "Car-Jacking"s werden: Ein bei einer roten Ampel anhaltender Autofahrer wird bei hellichtem Tag mit vorgehaltener "gun" gebeten sofort sein Auto zu verlassen und sieht dieses nie wieder, sofern er mit dem Leben davonkommen will. In Downtown Detroit selbst, also der "Innenstadt" kann man nicht mehr von Baulücken, sondern von Bebauungsinseln sprechen: Der größte Teil der Fläche ist aus Spekulations/Rezessionsgründen entweder Parkplatz oder einfach Wiese. Viele Fenster sind mit Sperrholz verschlagen. Dazwischen übriggebliebene Gustostückchen des Art deco erinnern an den vergangenen Boom. Die späte Moderne bescherte noch das "Renaissance Center", und die Postmoderne läßt eine unverkennbares Philipp Johnson Hochhaus langsam emporranken und gegen die Rezession um seine Fertigstellung kämpfen. Bei der Rückfahrt ist der Übergang der netten Detroiter Suburbs und ihrer Mall-Strips zum Städtchen von Ann Arbor beinahe fließend. Das 3 Straßen breite Zentrum von Ann Arbor -von den Studenten liebevoll A² (A-square) genannt- besteht aus niedlichen Geschäften in niedlichen Häusern, niedlichen Restaurants und niedlichen Einwohnern. Die Stadt selbst scheint bloß ein kleiner Annex des 9 km² großen Campuses zu sein: Gespickt mit Bauten der Albert Kahn Assoc. erstreckt sich das Universitätsgelände über 1107 acres in der Stadt (Central Campus) und 1216 acres im Grünen (North Campus).Erschlossen werden die über 200 campuseigenen Gebäude auf diesem Areal durch vier campuseigene Buslinien, überwacht durch campuseigene Polizei. 36.000 Studenten leben vornehmlich in Studentenheimen der campuseigenen Wohnungsabteilung, kommunizieren über die Telephone der campuseigenen Telefongesellschaft, sind nachzuschlagen im campuseigenen Telefonbuch, lesen in 19 campuseigenen Bibliotheken und werden in 15 Colleges von 5.600 Lehrpersonen betreut , weitere 27.000 Personen des campuseigenen Personal sorgen für das Wohl der Studenten. Lebensgefühl wie in der TV-Serie "Beverley Hills". Massenweise herumlaufende Squarrels (A-Hörnchen und B-Hörnchen), hin und wieder ein Skunk (Stinktier) und Holzhäuser wie das von Donald Duck mit Porch (Veranda) und ähnliche Details geben dem ganzen ein Flair von Entenhausen. Cag-parties (cag = Bierfaß mit schwachem US-Bier, von dem zuviel getrunken wird) der WASPs (White Anglo-Saxon Protestants) meist in den Häusern der bisweilen elitären "Fraternities" (Studentenverbindungen). Erholung davon finde ich in den Clubs Detroits, manche von ihnen sind in ehemaligen Theatern aus der Blütezeit der Motorcity, die Musik entsteht frisch an den Plattentellern. Oder ich fahre sieben Stunden nach Chicago. Nicht nur inneramerikanische Abwechslung, besonders die zu 20% aus allen anderen Teilen der Erde kommenden, am Campus zum Teil in großen, sehr aktiven Gruppen vertretenen Kollegen lassen einen den trockenen, rigiden Lifestyle des Mittelwestens und amerikanischen Provinzialismus vergessen. Das College of Architecture and Urban Planning teilt sich jeweils zur Hälfte mit der School of Art das 1974 von Swanson Ass. errrichtete dreigeschoßige 221.220 sqft (20.550 m²) große industriebauartige Gebäude am North Campus. Im Erd- und Untergeschoß sind neben unbürokratischer Administration, Cafe, Bibliothek (52.000 Bände, 50.000 Dia, 564 Magazine),einer Austellungshalle, ausreichenden EDV-Arbeitsplätzen, die wenigen institutsähnlich geführten Abteilungen (z.B. EDV, Doctoral Program), ein Bauphysik-Raumlabor sowie ein Photolabor und Werkstätten für Holz, Keramik und Metall. Der 32.000 sqft (2.970 m²) große, offenene Raum des Obergeschoßes wird nur durch die durch die Aufstellung der Arbeitstische in Zonen gegliedert: die Studios. Hier wird entworfen. Wie in einer Meisterklasse erstellt man einem Entwurf pro Semester und arbeitet vornehmlich im Studio. Wie an den Technischen Unis wechselt man nach jedem Programm den Entwurfsprofessor. Das Betreuungsverhältnis ist: 11:1. Mindestens dreimal pro Woche ist der betreuende Lehrer anwesend. Um den Zeitplan nicht zu überschreiten -was den meisten gelingt- hat der Studierende pro Semester 15 Wochenstunden zu absolvieren, sechs davon betragen das Design studio, drei davon ein Pflichtfach, die Restlichen sechs werden aus einem Katalog von dreistündigen Veranstaltungen gewählt. Klare Anrechnungsbestimmungen forcieren interdisziplinäres Studieren. (dazu ein Detail: Im Laufe des Studiums müssen sogar sechs Wochenstunden anderen Studienrichtungen gewählt werden) Daß Interdiszipliniarität groß geschrieben wird zeigt auch das Angebot eines "Joint-Degree-Program": Doppelstudium auf Amerikanisch: In drei Jahren können die mehrfach ambitionierte Kollegen neben dem Graduate Abschluß in Architektur in einem komprimierten Programm den eines zweiten, zur Profession passenden Faches (Business Administration, Engeneering, Urban Planning) erwerben. Nachahmenswert ist auch die Einrichtung eines vierwöchigen Orientierungsprogrammes für Mittelschüler, die dabei erkennen sollen, ob das Architekturstudium das Richtige für sie ist. Generell ist die Ausbildung straff organisiert und wirkt somit verschulter, wobei die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden äußerst partnerschaftlich ist. Am Ende des Semesters wird jede Lehrveranstaltung und somit jeder Lehrende mittels standardisiertem, anonymen Fragebogen durch die Studierenden evaluiert. Der Lehrer ist für die Leistung des Studierenden mitverantwortlich. Das Prinzip von Gastkritiken wird konsequent angewandt: Praktisch jede zu einem Vortrag am Campus eingeladene Persönlichkeit wird zur Korrektur einiger Studios herangezogen. So konnte ich unter das Messer von Stainley Tigerman kommen, andere unter Peter Eisenman's. Als diese beiden gleichzeitig hier waren hielten sie neben ihren eigenen Vorträgen eine brilliante Doppelconference im Stile Farkas und Waldbrunn.. Da es kaum Institute in unserem Sinne gibt, haben die Professoren geringere Kompetenzen als hierzulande. Handelt es sich nicht um einen der "Stars" sind die Universitätslehrer vielfach Personen, die sich zu Beginn ihrer Laufbahn für die Lehre anstatt zur Praxis entschieden haben, und gleichzeitige praktische Betätigung ist dann eher ungern gesehen, da darunter das zur Verfügung stehende Engagement für die Lehre leiden könne. So haben in Ann Arbor nur 32 der 58 Lehrer auch eine Architekturbüro-Lizenz. Die Folge davon ist, daß sich auch in unserer Disziplin sich die Kluft zwischen abgehobenem Campusleben und Realität des US-Alltags widerspiegelt. Geringe Scheu vor Akademismus und überraschend wenig Praxiskontakt sind die Folge. Vielleicht läßt sich durch diese strukturellen Randbedingungen die stärkere Etablierung der Architekturtheorie im angloamerikanischen Raum erklären. Nur Bradford Angelini's Studio läßt einen spüren, daß Detroit nahe ist. Seine Themen sind städtebaulich orientiert. Wir unternahmen laufend Exkursionen nach Motown und zum Vergleich in die Stadt des City Beautiful Movements von Birnham & Root: Chicago. Manch andere Programme füllten zum 1001mal eine Baulücke am Campus.
Vergleichbar mit unserem ersten und zweiten Abschnitt gliedert sich das Studium in die vierjährigen Undergraduate Studies, die mit dem Titel Bachelor of Architecture (B.Arch.) oder Bachelor of Science (B.S.) abgeschlossen werden und die zweijärigen Graduate Studies, die man mit dem Master of Architecture (M.Arch.) beendet. Manche US-Universitäten bieten auch den Titel eines Bachelor of Architectural History (B.Arch.Hist.) oder Bachelor of Architectural Technology (B.Arch.Tech.) an. An der University of Michigan werden die ersten beiden Jahre des Undergraduate Programs als Vorkurs (Pre-Architecture) geführt. Das Aufsteigen in die nächsthöhere Stufe ist jeweils von einer (selektiven) Aufnahmeentscheidung abhängig. Dabei muß der Undergraduate-Abschluß nicht notwendigerweise in Architektur gemacht werden. Zur Aufnahme in ein Graduate Program kommen auch Studenten mit einem Bakkelaureat aus verwandten technischen oder künstlerischen Richtungen in Frage. In Ann Arbor besuchen 188 Undergraduate- und 162 Graduate-Studenten die Architekturschule. 15% von ihnen kommen nicht aus den USA. Viele der guten Schulen haben überhaupt nur Graduate programs, und schöpfen den Rahm der Undergraduate Absolventen der landesweiten Universitäten ab. Das und die Tatasache, daß eines der Funktionen der Undergraduate Programme das Ausgleichen der Defizite der gerade von den (zum Teil sehr schlechten) High Schools kommenden Studienanfängern ist, machen es für Studenten, die kurz in die USA gehen nur sinnvoll an einem Graduate program teilzunehmen. Die Chancen auf ein Stipendium erhöhen sich, wenn dies mit der Fertigstellung der Diplomarbeit gekoppelt wird, oder man überhaupt erst postgradual einen Masters in den Staaten anhängt. Freaks und Feinspitze können dann ihren Architektur-Doktor in einem der mindestens dreijährigen Doctoral Programs erwerben. Die Mehrzahl der Teilnehmer dieses Programms kommt in Ann Arbor aus dem Ausland. Die Doktoranden werden stark in die Lehre eingebunden, und weisen das nicht zuletzt aus Finanzierungsüberlegungen nicht von sich. Womit wir bei einem Thema sind, das in dieser Angelegenheit leider zu einem der wichtigsten Entscheidungsfaktoren wird:. Da eine US-Universität in ihrer Führung, Organisation, ihrem Marketing und was den Studierenden am stärksten interesssiert: im Angebot ihrer Infrastruktur und Serviceleistungen eher mit einem privatwirtschaftlichen, kundenorientierten Dienstleistungsbetrieb als mit einer staatlichen Institution zu vergleichen ist, muß auch wie für eine solche bezahlt werden. So machen den größten Anteil der Kosten eines USA-Studienaufenthaltes die "Tuition Fees" (Studiengebühren) aus. Diese betragen bei den guten US-Universitäten von US$ 10.000 bis 40.000 ( in Ann Arbor US$ 16.000) pro Jahr, je nachdem ob es sich um eine staatliche oder private Institution handelt. (Einzige Ausnahme: die durch einen privaten Fond finanzierte Cooper Union verrechnet nur einige hundert Dollar an die Studenten) Schafft man es nicht, als "Einzelkämpfer" dafür ein Stipendium zu bekommen, bleibt einem die Teilnahme an einem der wenigen Austauschprogramme (Joint Study Programme). Diese sind durch gegenseitige "No Fee"-Abkommen geregelt, sodaß nur die Kosten für die Lebenshaltung (geschätze Kosten in Ann Arbor: US$ 9.000 pro Studienjahr) und die nicht zu vergessende Krankenversicherung (einige hundert Dollar, je nach Leistung) bleibt. Aber gerade für diese Programme ist es relativ einfach ein Stipendium zu bekommen. Trotzdem Vorsicht: Bis vor kurzem war die Vergabe fast aller Stipendien auf ministerieller Ebene geregelt. Das hatte den Vorteil, daß nach der Aufnahme in ein Austauschprogramm die Erteilung des zugehörigen Stipendiums reine Formsache war. Nun gibt das Ministerium zwar Richtlinien über Stipendienhöhe und Voraussetzungen heraus, die Kompetenz der Stipendienvergabe liegt aber an den Universitäten, respektive ihren Auslandsabteilungen. Das bedeutet, daß die Aufnahme in ein Austauschprogramm durch das betreuende Institut oder die Fakultät ist nicht a priori an den Erhalt eines Stipendiums gekoppelt ist. Der theoretische Vorteil liegt dabei darin, daß es nun möglich ist, auf individuellere Stipendienwünsche der Studierenden einzugehen.
Neben den Dekanaten, der Meisterklasse und den Instituten soll man sich unbedingt auch beim "Außenministerium" (der Auslandsabteilung) der eigenen Schule über den aktuellen Stand informieren:
The American Institute of Architecture Students (AIAS) ist eine bestens organisierte nationale Vereinigung von Studenten der Architektur und verwandten Disziplinen. Neben der Architekturausbildung hat sie die Stellung der Architektur in der Gesellschaft und Tendenzen in der Profession zum Thema. Jährliche nationalweite Treffen ("Forum"), Ausschreibung von Wettbewerben und periodische Publikationen zählen zu ihren Aktivitäten. Nach eigenen Angaben vertritt sie mehr als 30.000 Architekturstudenten an 155 Schulen.
An uns Studenten liegt es Druck auf die Institutionen auszuüben mehr Übersee-Austauschprogramme für Architekturstudenten einzurichten und trotz derzeitiger Europa-Euphorie auch für Studien außerhalb unseres Kontinents mehr Geldmittel zur Verfügung zu stellen.